Die Straßenzusatzschilder von Karl-Räder-Allee, Maler-Ernst-Straße und Philipp-Fauth-Straße

Sep. 24, 2025 | Uncategorized

Heute vor zwei Jahren, am 24.09.2023, fand in Bad Dürkheim nach hitziger Diskussion über das Verhalten der Namensgeber der drei oben genannten Straßen in der NS-Zeit ein Bürger­ent­scheid über eine vom Stadtrat beschlossene Straßenum­be­nen­nung statt. 74% der Bürger sprechen sich darin gegen die Um­benennung aus, trotz des gegenteiligen Votums aller Parteien im Stadtrat und Gegenwinds aus den Medien. Der Stadtrat ließ daraufhin ausführliche Zusatzschilder an­bringen, um die Herren wenigstens „ins rechte Licht“ zu rücken. Wir spra­chen mit un­se­rem Autor Wolfgang Fallot-Burghardt über den Dürkheimer „Schild­bürger­streich“.


Redaktion: Wolfgang, Du hast Dich 2023 gegen die Straßenumbenennungen in Bad Dürk­heim engagiert und ein Flugblatt zur Verteidigung des Astronomen Philipp Fauth verfasst. Die Dürk­heimer scheinen es gelesen zu haben, die Umbenennung wurde mit deutlicher Mehr­heit abgelehnt. Heute kritisierst Du die später angebrachten Straßenzusatzschilder in der Philipp-Fauth-Straße, Maler-Ernst-Straße und der Karl-Räder-Allee.

WFB: Das ist richtig, aber es gab auch noch ein paar andere Flugblätter. In meinem Flugblatt habe ich auch die Vorgehensweise der Stadt im Fall von Fauth kritisiert. Ich finde es immer noch unglaublich, dass man Fauth einer NSDAP- und SS-Mitgliedschaft beschuldigt hat, ohne Be­weise dafür zu haben. Man hat einem schlecht recherchierten, voreingenom­menen und sogar beleidigenden Gut­achten einfach geglaubt. Das war kein Ruhmesblatt für unseren Stadtrat. Vielleicht waren manche auch froh dar­über, dass der Gutachter „geliefert“ hat. Die Stadt kann von Glück reden, dass die Angehörigen den Fall nicht vor Gericht gebracht haben. Der Bürger­meister hätte den Feh­ler öffentlich klarstellen und sich bei der Familie ent­schuldigen müssen.

Redaktion: Wenn wir bei den Zusatzschildern bleiben, was sind Deine Punkte dort?

WFB: Das Beste an den neuen Zusatzschildern ist, dass man sie so schlecht lesen kann, dass sie nicht weiter stören. Man hat die echten oder angeblichen Ver­fehlungen der Stra­ßennamensgeber gegenüber den Verdiensten sehr unver­hältnismäßig betont, man hat diese früher geehrten Bürger unbedingt in ein schlechtes Licht rücken wollen. Man hätte sich, auch schon bei der Frage der Umbenennung, vom Stadtrat mehr Lokalpa­triotismus und Widerspruchs­geist nach dem Motto „Wir lassen uns unsere Ehrenbür­ger nicht so ein­fach kaputtreden“ gewünscht. Stattdessen war genau das Gegenteil der Fall. Das ist der Gra­tismut einer Generation mit der Gnade der späten Geburt.

Redaktion: Du kritisierst die Texte auch inhaltlich.

WFB: Ja, fangen wir bei Fauth an. Fauth wird eine antidemokratische Einstellung vorge­worfen. Dabei hatte Fauth in der Novemberrevolution von 1918 den Vorsitz im Landstuh­ler Bürgerrat inne. Damals war noch nicht so klar, in welche Richtung es gehen wür­de, die Kommunisten wollten eine andere Re­publik und es gab noch viele Anhänger der Monar­chie. Es waren auch viele Waffen im Umlauf, es gab Unruhen und Tote. Fauth hat damals Verantwor­tung übernommen und richtig viel Mut bewiesen. Ich wage einmal die The­se, dass er sich damit mehr um die Demokratie verdient gemacht hat als alle seine Kritiker von 2023 zusammengenommen. Während des Ersten Welt­kriegs beklagte er so­gar in mehreren Briefen den um sich greifenden „Mam­monismus“ und bekundete Sympa­thie für den Sozialismus, was ihm aber merkwürdigerwei­se keinen Bonus bei seinen Gut­achtern eingebracht hat. Im Schildertext wird ihm auch Antisemitismus vorgeworfen we­gen eines Wut­anfalls, den er einmal wegen eines Zeitungsartikels auf den mutmaßlich jü­dischen Au­tor hatte, ohne dass er diesen darin beispielsweise antisemitisch be­leidigt hätte. Das war alles. Fauth hat erwiesenermaßen freundschaftlich mit Juden verkehrt, und eine jüdische Schülerin von ihm hat ihm sogar später beschei­nigt, dass er sich bei Hänseleien immer vor seine jüdischen Schüler gestellt hat. Das hätte man genauso gut auf das Schild schreiben können.

Redaktion: Da scheint dann nicht mehr viel von den Anklagepunkten übrig zu bleiben. Und was kritisierst Du bei dem Winzermaler Gustav Ernst?

WFB: Ich kritisiere den Satz, in dem es um Ernsts Tagebucheinträge geht. Die Tage­bücher waren nie für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, Ernst hat sie nie zur Veröffentli­chung freigegeben. Das unterscheidet den Fall von anderen. Tagebücher sind als Teil der soge­nannten Intimsphäre streng geschützt, „die Gedanken sind frei“ heißt ein be­rühmtes Lied. Dass der Stadtrat bei dieser Gesinnungsschnüffelei − man kann es nicht anders nennen – keine Bedenken hatte, mir wurde jedenfalls nichts bekannt, macht mich wirklich ratlos.

Redaktion: Aber sollte jemand, der mit dem Nationalsozialismus sympathisierte, wenn auch nur in seinen Tagebüchern, wirklich mit einem Straßennamen geehrt werden?

WFB: Mir wäre es auch lieber gewesen, Ernst hätte nur Bibelverse in seine Tagebü­cher ge­schrieben. Wobei man da auch die falschen auswählen kann. Aber die Stadt, der Staat hat die Privatsphäre eines Men­schen zu achten, die sich aus der Menschenwürde ergibt. Für die Geschichtswissenschaft mag es weni­ger enge Grenzen geben, aber wenn die Politik ins Spiel kommt und die Erkenntnisse der For­schung für eine Moralkampagne nutzt, kommt es auch darauf an, wie diese zu­stande ge­kommen sind. In den Tagebüchern eines unbescholtenen Toten zu lesen oder besser zu schnüffeln, um ihm daraus einen Strick zu drehen, ist jedenfalls nicht in Ordnung. Die Stadt sollte den Satz streichen − er fällt auch auf sie selbst zurück − und stattdessen Ernsts Verdienste für das Weinmarketing hervorheben: „Mit seinen stimmungsvollen Bildern, die heu­te noch viele Weinprobierstu­ben in Bad Dürkheim schmücken, setzte er den Winzern seiner Wahlheimat und ihrem Produkt Wein ein anrührendes Denk­mal.“

Redaktion: Und was kritisierst Du am Karl-Rä­der-Text?

WFB: Karl Räder war der einzige der Herren, der sich wirklich in den Dienst des Dritten Reichs gestellt hat. Insofern finde ich es richtig, dass man das auf den Zusatzschildern er­wähnt, wenn man unbedingt dort einen Lebenslauf aufhängen will. Es fällt aber auf, dass man sei­ne Verdienste um die Stadt und den Wurstmarkt – er war zum Beispiel lange Jahre eh­renamtlicher Chefredakteur der Wurstmarktzeitung, er und Gustav Ernst haben aus ihr kleine Kunst­werke gemacht – und seine Ehrenbürgerwürde nicht erwähnt. Und gar nicht in Ordnung ist es, dass seine vielfach bezeugte Reue nach dem Krieg, die auch in einem veröffentlich­ten Gedicht von 1948 schwarz auf weiß nachzulesen ist, entwertet wird durch den Satz: „Die Familie beschreibt die spätere Reue Karl Rä­ders.“

Redaktion: Die Räder-Familie hat auch das Gutachten sehr kritisiert.

WFB: Ja, der Gutachter hätte sich manche Wertung verkneifen sollen. An Räders Verdiens­ten und an seiner Reue in der Nachkriegszeit hatte er wenig Interes­se. Vermutlich war das auch nicht sein Auftrag.

Redaktion: Wir danken für das Gespräch.

WFB: Bitte sehr.

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