Seit März und noch voraussichtlich bis Weihnachten stehen auf der Zugstrecke zwischen Deidesheim und Bad Dürkheim alle Räder still. Dachse haben den Bahndamm auf zweieinhalb Kilometern Länge unterwühlt. 2021/22 war schon einmal aus dem gleichen Grund die Strecke nach Freinsheim für fast ein Jahr gesperrt. Man muss den Dachsen also dankbar sein, dass sie sich nicht an beiden Strecken gleichzeitig zu schaffen gemacht haben, so dass wir mit dem Zug wenigstens noch in einer Richtung aus Dürkheim herauskommen. Vielleicht sind es ja die verjagten Freinsheimer Frechdachse gewesen, die sich jetzt über die Deidesheimer Strecke hergemacht haben. Man hat sich eben auf Bahndämme spezialisiert. Vorherzusehen war das aber kaum. Mann Mann Mann, unsere Bahn hat es doch schon schwer genug.
Deutschland, Land der Dachse und der Weltverbesserer
Ein Land wie Deutschland, das im Wettbewerb der Systeme mit der Technologienation China und bald in einem heißen Konflikt mit der Kriegernation Russland bestehen will, das mit Projekten wie den „Radwegen in Peru“ und viel Geld nichts weniger als die Welt zu einem besseren Ort machen will, das bis 2045 durch die Vertreibung der lästigen Industrie und die Drangsalierung störrischer Haus- und Heizungsbesitzer CO2-Neutralität erreichen und damit irgendwie das Weltklima retten will, und das nach wie vor eine Vollversorgung für die Mühseligen und Beladenen aller Herren Länder bereithält, die das Zauberwort aussprechen (Fußnote: davon gibt es sehr viele), wird von ein paar Dachsen schachmatt gesetzt. Besser kann man sie nicht herauslassen, die heiße Luft, aus unserem Land der selbsternannten Weltenretter, wo man in Wirklichkeit mittlerweile daran scheitert, pünktlich Züge von A nach B fahren zu lassen, vorzeigbare Straßen zu unterhalten, genügend Wohnungen bereitzustellen oder eine tägliche Postzustellung zu organisieren. Die Liste ist nicht abschließend. Wussten Sie, dass die ukrainische Eisenbahn nach eigenen Angaben im ersten Kriegsjahr 2022 eine Pünktlichkeit von 90 Prozent erreichte, während in Deutschland im gleichen Jahr nur 66 Prozent der Fernzüge pünktlich ankamen? Man wüsste gerne einmal die Zahlen von 1944. Aber selbst die 66 Prozent sind nur ein Teil der Wahrheit, denn ausgefallene Züge werden von der Bahn erst gar nicht gezählt.
Doch zurück zu den Dachsen. Es muss eine Lösung gefunden werden, damit sie nach ihrer Vertreibung nicht gleich den nächsten Bahndamm in Angriff nehmen. Man könnte sie statt Mardern und Leoparden in die Ukraine schicken, wo sie als geborene Untergrundkämpfer Straßen- und Bahndämme für russische Angriffe unpassierbar machen könnten. Das wäre doch für beide Seiten ein glänzendes Win-Win-Geschäft.
Landrat Ihlenfeld nimmt die Sache in die Hand
Landrat Ihlenfeld echauffierte sich Mitte Juli in einem Brief an die Bahn darüber, dass zur Wurstmarktszeit im September auch noch die Bahnstrecke Grünstadt − Freinsheim gesperrt werden soll und informierte darüber in einer Mitteilung auch die Presse. Den ihm sicher bekannten Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder aus der Landes-CDU RLP wollte er anscheinend nicht damit behelligen, so wichtig war ihm die Sache dann wohl doch nicht. Aber die Bahn ist ja bekannt dafür, schnell und flexibel auf Kritik zu reagieren, weswegen sie auch schon ihre Pünktlichkeit auf vielfachen Kundenwunsch hin deutlich verbessert hat. Richtig bemerkt, das war jetzt leider nur Satire. So war denn die Öffentlichkeit der eigentliche Adressat dieser Aktion. Seht her, ich bin auch noch da.
Aber was war das schlagende Argument des Landrats? Die Bahn missachte Pfälzer Traditionen wie die Weinfestkultur und den Dürkheimer Wurstmarkt. Denn es wäre in der Tat unzumutbar, wenn Wurstmarktbesucher auf ihrem Weg vom oder zum Schoppen eine halbe Stunde länger als unbedingt nötig auf dem Trockenen säßen. Die pfälzische Tradition des täglichen Pendelns zur Arbeit oder zur Schule, die schien dem Landrat dagegen weniger der Rede wert zu sein.
Wolfgang Fallot-Burghardt
